Es geistern immer wieder Statistiken und Prognosen über die Vernichtung von Jobs bzw. Arbeitsplätzen infolge der aktuellen Automatisierungswelle und künstlicher Intelligenz durch die Medien. Glauben Sie bitte keiner von denen. Alles Quatsch. Lust auf eine kleine Prise Tiefgang? Lesen Sie meine kurze Meinung als Zukunftsforscher zu dem Thema…

These: Automatisierung vernichtet Jobs

Dass die derzeitig wirksame 4. industrielle Revolution etwas mit der Arbeitswelt anstellt, habe ich in dem etwas ausgeuferten Artikel über New Work dargelegt. Darin gehe ich bewusst nicht so sehr auf die Möchtegern-Prognosen der einschlägigen Institute und Beratungsfirmen ein. Das möchte ich nun hier nachholen, weil das Thema natürlich immer wieder aufploppt – zuletzt wurde ich bei Roche in Penzberg gebeten, eine “Top 10 der ersetzbaren Jobs” zu nennen. Das halte ich für großen Unfug. Aber hier erstmal meine persönlichen Top 10 der bescheuerten Prognosen:

  1. Die möglicherweise am häufigsten zitierte Studie zum Thema stammt aus dem Jahr 2013 und von Carl Frey und Michael Osborne und trägt den verheißungsvollen Titel “The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?”. Über 702 Einsatzbereiche und Tätigkeitsfelder hinweg errechneten die Forscher präzise Werte für konkrete Einsatzfelder. Die Lektüre lohnt sich, aber die Zahlen sind… naja. Ja, ich habe auch Seite 37 schon gelegentlich bei Keynotes gezeigt – um darauf hinzuweisen, wie irreführend Statistiken sein können, insbesondere wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Immerhin sagt die Studie voraus, dass 47% der heutigen Betätigungsfelder in den USA von einer mindestens 70%igen Automatisierungschance betroffen sind.
  2. McKinsey machte 2018 Furore mit einer Studie (heise berichtete), die bis 2030 eine weltweite Welle der Automatisierung von “bis zu 800 Millionen Menschen” prognostizierte.
  3. Das Centre for London prognostizierte gemeinsam mit Ernst and Young (EY) 2018, dass bis 2038 10-47 Prozent (hervorragende Treffergenauigkeit…) durch Automatisierung und künstliche Intelligenz in industrialisierten Staaten (“high-income countries”) vernichtet werden.
  4. Für Deutschland wurden Ende März 2017 von finanzmarktwelt zielgenau 35% Vernichtung von Arbeitsplätzen prognostiziert, nur die USA liegen mit 38% über diesem Wert; die Basis dieser Angabe bildet eine Studie von PwC.
  5. Die WELT titelte im April 2018 mit einer OECD-Studie, dass in Deutschland fast jeder fünfte Arbeitnehmer von Automatisierung durch Roboter und Algorithmen ersetzt werden könnte – in 15 bis 20 Jahren. Genauer sind es 18,4%. Interessant finde ich aus Online Marketing Insider, dass die URL auf Teenager abzielt, obwohl die nicht unbedingt im Fokus der Studie standen, auch wenn sie dahingehend zitiert wird.
  6. Dieselbe Studie Studie wurde vom Handelsblatt anders fokussiert; hier wurde für “etwa die Hälfte aller Arbeitsplätze der 32 Staaten, die an der Untersuchung teilgenommen haben” ein sehr hohes Bedrohungspotential attestiert.
  7. Klaus Schwab, Geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforum, prognostizierte allein bis 2020 den Verlust von fünf Millionen Arbeitsplätzen “in den 15 bedeutendsten Industriestaaten und Schwellenländern” infolge von KI und demografischen Trends.
  8. Eine 2016er Studie der ING DiBa sieht gar 18 Millionen Jobs in Deutschland gefährdet – bis 2026. Das ist mehr als ein Drittel der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse. Laut einem Focus Bericht über die Studie trifft es ausgerechnet Norddeutschland besonders hart – aber das gibt es ja dank des Meeresspiegelanstiegs in ein paar Jahrzehnten sowieso nicht mehr in der Form wie heute.
  9. Besser noch ist eine Studie des USs (WEF) werden möglicherweise “schon im Jahr 2022 weltweit 72 Millionen Arbeitsplätze wegfallen bzw. durch Maschinen ersetzt werden” (info-welt.eu).
  10. ChannelPartner bringt immerhin eine Top 7 der vernichteten Jobs zustande – schon 2019.
  11. … und sämtliche Beratungsfirmen wie Deloitte, BCG oder KPMG hatten ähnliche Prognosen in den Top 10 der Google Suche, bevor sie umschwenkten und ihre Prognosen plötzlich nicht mehr aktuell waren.

Merken Sie was? Das sind alles Medien, die eher populärwissenschaftlich argumentieren. Wir brauchen mehr Augenmaß bei dieser Debatte. Denn, wie das Portal IT Matchmaker (sicher nicht ganz interessenunabhängig) schön zusammenfasst, diese Mythen behindern unseren Weg, im Einklang mit künstlicher Intelligenz zu leben und arbeiten. Aber das ist ein anderes Thema.

Industrialisierung lässt grüßen: Führungskräfte aufgepasst!

Es kommt einem fast vor, als hätte der Geschichtslehrer in der 9. Klasse Recht behalten: Geschichte wiederholt sich. Dem widerspreche ich vehement (hallo, Lutz W.!).

Die aktuelle Situation ist aus diversen Gründen anders zu bewerten, was ich an dieser Stelle abkürzen möchte. Nach eingehender Überlegung komme ich zu dem Schluss, dass die Debatte um künstliche Intelligenz im Rahmen der möglicherweise vierten industriellen Revolution absolut fehlgeleitet ist. Es wird (u.a. politisch) Angst geschürt, um Investitionen in Innovation niedrig halten zu können, solange sie noch nicht definitiv dringend erforderlich sind – immerhin schauen die Entscheider der größten Unternehmen, die allesamt über 50 Jahre alt sind, vor allem auf die Rendite und positive Börsenergebnisse. Da macht es sich eben schlecht, wenn massenhaft Mitarbeiter automatisiert werden, zumal Roboter und Softwareentwickler ganz schön teuer sein können. (Achtung, das ist kein Angriff auf Ü50-Manager – es gibt auch viele positive Beispiele, seien Sie eins von diesen!)

Natürlich ist es auch jetzt wieder Zeit für Panik. Ja, viele Berufe sind vom Aussterben bedroht; das ist die offenkundige Parallele zu den letzten industriellen Revolutionen. Applaus an die Top 10 da oben. Was historisch neu ist: Wir leben in einigen liberalen, pluralistischen Demokratien in der komfortablen Situation, dass nicht ohne weiteres ganze Sektoren “rationalisiert” werden können. Das ist politisch nicht vermittelbar. Stattdessen haben Arbeitgeber angefangen, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, wie sie ihren Mitarbeiterstamm auch in Zukunft beschäftigen können. Denn auch dazu gibt es Studien: durch die aktuelle Automatisierungswelle werden auch zigtausende neue Tätigkeitsfelder geschaffen.

Um einer viel zu langen Liste zu entgehen, schreibe ich hiermit eine lose Wette: Ich wette, dass auch in Ihrem Umfeld neue Aufgaben entstehen, während diverse automatisiert werden können.

Klar, es gibt diverse Tätigkeitsfelder, die heute und in Zukunft automatisiert werden können. Einfache Sachbearbeiterjobs, sämtliche Fahrzeugführer, simple handwerkliche Tätigkeiten gehören dazu. Neu ist, dass auch Expertenberufe betroffen sind. Und doch bin ich davon überzeugt, dass in einer pluralistischen Demokratie wie in Deutschland mit starken Gewerkschaften und Betriebsräten keine schlagartige Entlassungswelle entstehen kann – zumindest nicht bei den großen Arbeitgebern wie Volkswagen, Edeka oder der Deutschen Bahn; ich mache mir eher Sorgen um deren Zulieferer, besonders in der Automobilindustrie und dem Handel.

Gleichwohl sehe ich vielmehr die Führungskräfte in der Pflicht, sich heute schon sehr konkrete Gedanken über die Tätigkeitsbereiche und Qualifikationsprofile ihrer zukünftigen Stellen (aka Mitarbeiter) zu machen, um die heutigen schrittweise dorthin zu entwickeln. Andererseits müssen sie auch schlicht automatisieren, da ihre wertvollste (auch monetär) Ressource versiegt: der Arbeitskräftemangel lässt ihnen keine Wahl. So beflügeln sich technologische Innovation und Arbeitsmarktevolution wechselseitig. Letztlich trauen sich auch immer mehr Unternehmen aller Branchen und Größen, Elemente von New Work auszuprobieren und sich von althergebrachten Mustern, Prozessen und Hierarchien zu lösen.

Fazit: Arbeitnehmer in den Mittelpunkt

Autonome Fahrzeuge, Roboter, KI-Algorithmen können vieles besser als wir Menschen. Vieles nicht. Lassen Sie uns nicht auf der Seite der Kohlenstoffchauvinisten oder Siliziumfaschisten enden und diesen Evolutionsschritt bekämpfen. Ich rufe stattdessen dazu auf, diese Revolution als Chance zu begreifen, uns und alle Angestellten von den einfachen, repetitiven Arbeiten zu befreien! Es gibt so viele kreative Möglichkeiten, jeden einzelnen mit der entsprechenden (Fort-)Bildung durch diese Transition zu führen.

Entsprechend der schon lange angedeuteten New Work Philosophie ist es an der Zeit, die Angestellten ins Zentrum ihres Schaffens zu rücken. Dazu gehört Mut auf beiden Seiten des Anstellungsverhältnisses – und die offene Kommunikation über diesen sicher nicht einfachen Übergang.

Soziale Medien

Anstehende Veranstaltungen

  1. Bechtle Future Day

    3. September
  2. Ferchau Innovation Table Roadshow

    5. September - 16:00 - 21:00
  3. Sedus Stoll AG

    12. September - 15:00 - 18:00

© 2019 Kai Gondlach - zukunftsforscher.de | Impressum & Datenschutz