In diesem kurzen Beitrag möchte ich die Phasen / Level zur autonomen Mobilität mit etwas mehr Leben füllen. Wenn Sie das hier lesen, sind Ihnen mit Sicherheit bereits Schaubilder wie das folgende begegnet, die die fünf Phasen (manchmal auch sechs, inkl. der „nullten“) zum autonomen Fahren skizzieren:

THE 5 LEVELS OF AUTONOMOUS DRIVING, (c) www.y-mobility.co-uk

Lassen Sie uns mehr Griffigkeit in diese kühlen Phasenbeschreibungen bringen. Wenn Sie gleich zu einer späteren Phase springen möchten, nur zu:
Phase 1 | Phase 2 | Phase 3 | Phase 4 | Phase 5 | (Zwischen-)Fazit

Phase 0: Keine Automation

Phase 0 ist das, was Sie vermutlich in der Fahrschule gelernt haben. Wahrscheinlich in einem VW Golf, dessen höchste elektrotechnische Errungenschaft das Kassettendeck war. Die gesamte Steuerung oblag dem Fahrer. Das Getriebe hatte maximal vier Gänge (plus Rückwärts). Sie haben auch beim Einparken kräftig gekurbelt, Bremsen war ein Gewaltakt, Anfahren am Berg der Horror. Autofahren war noch richtig Arbeit!. Möglicherweise liegt ihre Fahrschulzeit sogar so weit zurück, dass Sie nicht einmal einen Sicherheitsgurt umlegen mussten, da es ihn schlicht noch nicht gab – die Einbaupflicht für solche Gurte besteht erst seit 1974. Das gesamte Design des Autos orientierte sich daran, erstens dem Besitzer ein Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit zu verleihen und zweitens während der Fahrt erstens nicht auseinanderzubrechen.

Phase 1: Fahrassistenzsysteme

In Phase 1 in Richtung Automatisierung kamen die ersten unterstützenden Funktionen in die Serienausstattung. Dazu gehörten die Servo-Lenkung, Bremskraftverstärker, ABS-Systeme, die die Lenkung des Wagens auch beim Bremsen in Gefahrensituationen ermöglichten, Fahrdynamikregelungen zur Stabilisierung der Fahrdynamik wie ESP und ASR, welche seit 2014 beim Neuwagen verpflichtend sind. Unterm Strich alles kleinere Optimierungen, die vor allem den benötigten Energieaufwand des Fahrers verringerten. Am Außendesign hatte sich nichts geändert, der Innenraum hatte plötzlich etwas mehr Knöpfe im Cockpit – und vielleicht einen CD-Player.

Phase 2: Partielle Automation

Diese Phase dürfte Ihnen bekannt vorkommen, wenn Sie in der Regel mit Mittelklasse-Fahrzeugen reisen, denn Fahrzeuge dieser Entwicklungsstufe sind im Jahr 2018 am verbreitetsten. Nach ABS, ESP, Servolenkung etc. fragen Sie beim Autokauf gar nicht mehr, sie gehören zur Standardausstattung. Wahrscheinlich hat Ihr Fahrzeug ein Tempomat, mit dem Sie die Kontrolle über die Geschwindigkeit ans System übertragen. Vermutlich sind Sie immer noch Selbstschalter ohne Automatikgetriebe (Statistik von 2011). Aber Sie profitieren vermutlich bereits vom automatisch abblendenden Rückspiegel und Fernlicht, haben womöglich eine Start-Stopp-Automatik und vielleicht auch ein fest integriertes Navigations- und Entertainment-System. Einige Dutzend Sensoren sind bereits in Ihrem Fahrzeug verbaut, die die Umgebung analysieren und den Scheibenwischer aktivieren, die die passive Beleuchtung im Innenraum abdunkeln, wenn es draußen dunkel wird, und die die Außenlichter dem Streckenverlauf anpassen. Genauso wie die Lenkung, die bei Verlassen der Spur ohne vorheriges Blinken gegenhält oder zumindest vibriert. Wenn Sie müde wirken, überredet Sie Ihr Fahrzeug zu einer Pause und leitet eine Notfallbremsung ein, wenn etwas in Ihrem Fahrtweg auftaucht – ich hoffe, dieses Feature kennen Sie noch nicht aus eigener Erfahrung. Mindestens aber protestiert Ihr Auto lautstark, wenn Sie ein anderes Fahrzeug im toten Winkel übersehen haben. Ein wachsender Anteil der Pkw ist darüber hinaus mit dem Internet verbunden, um unter anderem aktuelle Verkehrsmeldungen in die Navigation einzubinden oder umgekehrt Betriebsdaten an Hersteller oder Notfallzentralen zu senden. Kombiniert führen all diese Funktionen zu Passagen, in denen bei einer Autobahnfahrt zumindest für ein paar Sekunden das Gefühl automatisierten Fahrens simuliert werden kann. Tempomat und Lane-Assistant und der automatische Abstandshalter klappen solange gut, bis das System Sie daran erinnert, die Hände doch nun bitte wieder ans Steuer zu legen.

Auch in dieser Evolutionsphase des Autos ergeben sich noch keine fundamentalen Veränderungen im Außen- und Innendesign. Je nach Hersteller verändert sich das Design, denn die Außenformen gehen weg von kantig hin zu abgerundet, SUV sind aus dem Stadtbild und den Verkehrsunfallstatistiken nicht mehr wegzudenken. Der Innenraum insgesamt ist komfortabler denn je, die Stoffe edler, Sitze bequemer und selbst in Kleinwagen die Beinfreiheit größer. Einige Mittelklasse-Fahrzeuge erlauben im Stand zum Teil sogar das Zurückstellen der Vordersitze bis in die Waagerechte (geht natürlich nur, wenn hinten niemand sitzt), einige bieten gegen Aufpreis eine Massagefunktion.

Phase 3: Bedingte Automation

Unter guten Wetter- und Straßenbedingungen ist in Phase 3 die Autonomie einen entscheidenden Schritt weiter. Besonders im langsamen Verkehr sind die ersten Level 3-fähigen Fahrzeuge bereits schneller als jeder menschliche Fahrer, da sie die Aufmerksamkeitssekunde des Menschen weit hinter sich lassen. Der Bordcomputer übersteigt die Rechenleistung unserer gängigen Firmen-PCs bei Weitem. Er errechnet permanent sämtliche mögliche Eintrittsszenarien, um im tatsächlichen Falle des Auftretens in Bruchteilen einer Sekunde reagieren zu können. Die meisten Medien berichten leider nur über tödliche oder mindestens verheerende Unfälle mithilfe „autonomer“ Fahrzeuge von Uber oder Tesla, welche statistisch gesehen praktisch nicht geschehen (bei allem gebührenden Respekt für die Opfer!). Dabei gibt es auch eine lange Reihe guter Beispiele, googeln Sie mal „autonomous car prevents crash“ und überzeugen sich im Zweifel von der unglaublichen Leistung heutiger Systeme. Wie dem auch sei, in den Handbüchern der Phase 3-Fahrzeuge und rein regulatorisch die permanente Aufmerksamkeit des menschlichen Fahrers erforderlich. In den USA wird die Gesetzgebung nun aber vorausschauend genau daraufhin angepasst (Meldung vom 4.10.2018), den Weg für selbstfahrende Autos freizumachen. Ford hat beispielsweise bekannt gegeben, Phase 3 komplett zu überspringen und direkt in die nächste Phase einzutreten.

Phase 4: Hohe Automation

In dieser Phase werden erstmals Szenarien wie das folgende Realität: Das Auto fragt, wohin es gehen soll, Sie sagen das Ziel, legen den Sicherheitsgurt an – und los geht’s. Das Fahrzeug startet selbstständig, begibt sich auf die Route und steuert autonom zum Ziel. Es erkennt alle Verkehrszeichen und beachtet haargenau die daran geknüpften Regeln, beschleunigt angemessen und bremst selbstständig ab, wenn ein vorfahrendes Fahrzeug langsamer ist oder anhält. In unsicheren Situationen wird es Sie aber dennoch benachrichtigen und Ihr Eingreifen einfordern. Dennoch ist es nun vollkommen okay, wenn Sie sich zurücklehnen und ein Buch lesen, an der Kundenpräsentation für den Termin am Bestimmungsort arbeiten oder in Ruhe eine Mahlzeit genießen. Das Interieur ist dennoch nach wie vor weitestgehend unverändert; zwei Sitze vorn, eine Sitzbank hinten, womöglich mehr interaktive Elemente im Entertainment-Bildschirm und vielleicht hier und da ein Bordsystem mit den beliebtesten Netflix-Filmen.

Und an dieser Stelle wird sich der geneigte Entrepreneur denken: Da können wir ja plötzlich ganz neue Nutzungswelten ermöglichen! Ja, genau! Wenn der Insasse, der in der Nähe des immer noch vorhandenen Lenkrads sitzt, nicht mehr 100% seiner Aufmerksamkeit auf den Straßenverkehr und die Steuerung des ihn umgebenden fahrenden Vehikels verwenden muss, wird es schnell langweilig. Die ersten Konzeptfahrzeuge in diesem Segment verfügen bereits über schwenkbare Frontsitze und haben beispielsweise einen Tisch in der Mitte, auf dem die Insassen gemeinsam Karten spielen, essen oder arbeiten können. Ein anderer naheliegender Use Case ist es, autonome Lieferfahrzeuge einzusetzen. Im Lager oder dem Produktionsort bestückt, fahren sie selbstständig zur Zieladresse und lassen sich über Kunden-Schnittstellen öffnen. Klingt theoretisch? Der Pizza-Lieferdienst Domino’s macht’s schon heute:

Und damit verabschieden wir uns von unserem klassischen Verständnis der Mobilität. Goodbye, human drivers and thanks for the fish!

Phase 5: Komplette Automation

Dies wird die vollendete Phase der Automation sein. Verabschieden Sie sich bitte gedanklich schon einmal von folgenden Bestandteilen des Autofahrens:

  • Lenkrad
  • Gas- und Bremspedale
  • Rück- und Seitenspiegel
  • Klassische Cockpitbestandteile (Blinker, Scheibenwischhebel, Tankanzeige…)Und mehr noch. Gewöhnen Sie sich auch gedanklich schon einmal daran, dass die selbstfahrenden Kapseln plötzlich in ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen möglich sind. Natürlich wird es weiterhin kleinere Fahrzeuge geben, die als Robo-Taxi einen oder mehrere Passagiere befördern. Hinzu kommen größere Gefäße (verkehrswissenschaftlich für Beförderungseinheiten), die Anwendungszwecke in mobile Geschäftsmodelle verwandeln:
  • das fahrende Büro enthält bequeme, produktivitätsfördernde Sitze und hat genügend Steckdosen für Ihr mobiles Office. Natürlich darf ein ausreichend großer Schreibtisch nicht fehlen, vielleicht sogar ein Flipchart / Whiteboard / Smartboard, wenn Sie mit Kollegen eine produktive Session planen. Die Minibar können Sie mit einem entsprechenden Code freischalten. Alle Fenster enthalten LED, die nach Bedarf durchsichtig sind, komplett verdunkeln, eine Präsentation oder jedes beliebige Video zeigen. Die Arbeitsplatte enthält Hologramm-Technologie, um 3D-Modelle in den Raum zu projizieren. Dieses Umfeld passt nicht in einen durchschnittlichen Mittelklassewagen, sondern wird eher einem kleinen Multivan gleichen. Im Kofferraum ist natürlich genügend Platz für das Gepäck für die Dienstreisenden.
  • wenn Sie in ein fahrendes Hotelzimmer einsteigen und die Tür hinter sich schließen, werden Sie auf den ersten Blick keinen Unterschied zu einem heutigen 4- oder 5-Sterne Hotelzimmer ausmachen können. Sie finden einen kleinen Arbeitsplatz mit Stuhl vor, sehen sofort das bequeme Bett mit Nachttisch und ein kleines Badezimmer. Der Anwendungsfall passt für die über 180 Millionen Geschäftsreisen im Jahr 2017 (Quelle), besonders denen über Nacht und am frühen Morgen: am Abend einsteigen, einschlafen, im Hotel-Dock ankommen und das kontinentale Frühstück genießen, bevor es ganz entspannt zum Termin gehen kann.

(Zwischen-)Fazit

Entsprechende Geschäftsmodellideen denken sich übrigens keine Zukunftsforscher aus, sondern Unternehmer. Wir stellen dann die Folgefragen:

was bedeutet der Eintritt selbstfahrender Fahrzeuge für die Luftfahrtbranche oder für die Hotellerie? Was bedeutet es für den Absatz von Fahrzeugen, was für die Versicherungsbranche, die plötzlich keine Endkunden mehr betreut, sondern fast ausschließlich Flottenbetreiber, und plötzlich auch Schäden an oder Servicemängel durch Hotelinterieur versichern soll?
Welche Infrastruktur und Vernetzung von Geräten erfordert die autonome Mobilität? Welche Antennentechnologien sind nötig, welche Software und Deep Learning-Algorithmen kommen zum Einsatz, warum führen Distributed Ledger-Technologien wie Blockchain, Tangle und Hashgraph auf direktem Wege in eine autonome Ökonomie, in der Maschinen bald den Hauptteil der finanziellen Transaktionen auslösen werden?
Welche weiteren Anwendungsfälle für Geschäftsmodelle ergeben sich für andere Branchen?
Ich hoffe, dieser Artikel bietet Ihnen fürs Erste „food for thought“, jede Menge Ansätze für einen Transfer in Ihr Umfeld.

PS: Wenn Sie zu den Pionieren autonomer Systeme reisen wollen, können Sie natürlich in den Westen der USA reisen – so würden es die meisten tun. Spannender finde ich China. Welche Unternehmen sehenswert sind, behandelt dieser Medium-Artikel „Breakdown of self-driving car industry in China“.

Photo by Dominik Scythe on Unsplash

Anstehende Veranstaltungen

  1. LeasePlan Deutschland (1 von 2)

    19. September
  2. MedeleSchäfer GmbH

    20. September
  3. Siemens Mobility

    24. September

© 2019 Kai Gondlach - zukunftsforscher.de | Impressum & Datenschutz