Zukunftsforschung vs. Trendforschung

Was unterscheidet eigentlich Zukunftsforscher*innen von Trendforscher*innen? Die Frage beschäftigt mich mindestens genauso oft wie meine Gesprächspartner bei diversen Veranstaltungen. Anders als bei der Abgrenzung Mediziner (nicht geschützt) gegenüber Arzt (strafrechtlich geschützt) gibt es in meinem Metier (noch) keine bindende Trennung. Das hier ist ein Versuch, eine Trennung einzuführen.

Ich bin Zukunftsforscher, weil ich Zukunftsforschung studiert habe. Klingt soweit recht schlüssig, oder?

“Wie, das kann man studieren?”, fragen mich regelmäßig Kunden und Teilnehmer bei Veranstaltungen und auf meinen Reisen. “Ja, kann man”, beginne ich dann meine Antwort, um auf den Masterstudiengang Zukunftsforschung an der Freien Universität Berlin hinzuweisen. Den habe ich im Jahr 2013 mit dem Titel Master of Arts abgeschlossen und war damit einer der ersten, die das Curriculum durchlaufen haben. Gestartet ist das Masterprogramm auf Initiative von Prof. Dr. Gerd de Haan mit dem Institut Futur im Jahr 2010 als erster Masterstudiengang der Zukunftsforschung in Deutschland. Inzwischen, Ende 2019, dürften rund 150 Absolvent*innen den Titel M. A. Zukunftsforschung tragen.

Damit ist es aber nicht getan.

Im Sprachgebrauch hat sich nämlich in den letzten Jahrzehnten eine Synonymisierung der beiden Bereiche eingeschlichen. Ich vertrete aber die Position, dass Trendforschung nicht gleich Zukunftsforschung ist. Und das möchte ich hier – ebenso wie bei sämtlichen anderen Gelegenheiten – argumentieren.

Wissenschaft vs. Forschung vs. Journalismus

Zukunftsforscher wird niemand, weil er oder sie über Zukunft schreibt oder spricht. Entweder die Bezeichnung wird eines Tages von außen “verliehen” oder durch Selbsternennung und entsprechende Öffentlichkeitsarbeit gefestigt.

Der Begriff Zukunftsforscher – ebenso wie Forscher an sich – ist in Deutschland nicht rechtlich geschützt. Es kann und darf sich also jede Person freien Herzens und guten Gewissens den Titel Zukunftsforscher oder Zukunftsforscherin geben, ohne je einen Nachweis über methodische Kompetenz erbracht zu haben. Als Nachweis genügt eine artverwandte Ausbildung oder ein interessantes Studium wie beispielsweise das der Soziologie oder des Journalismus, welches zwei sehr häufige Grundqualifikationen der Trendforscher*innen sind. Viele davon machen auch keinen Hehl daraus, dass sie als Methode vor allem viel Zeitung lesen, sich kluge Gedanken über mögliche Zukunftsszenarien machen und diese dann veröffentlichen. Ich nenne keine Namen. Zukunft ist ein Geschäft, mit dem sich gut Geld verdienen lässt – an sich nichts Verwerfliches. Es wird erst dann – in meinen Augen – unredlich, wenn sich Journalisten und Soziologen als einer Wissenschaft zugehörig und darin fundiert qualifiziert verkaufen. Und damit gleichzeitig den Ruf einer jungen Disziplin gefährden.

Wissenschaft ist ein weniger weitläufiger Begriff als Forschung. Wissenschaft ist, wenn neues Wissen geschaffen und durch unabhängige Dritte (!) im Einklang mit den Werten der Wissenschaftlichkeit anerkannt wird. Diese sind:

  • Eindeutigkeit
  • Transparenz
  • Objektivität
  • Überprüfbarkeit
  • Verlässlichkeit
  • Offenheit und Redlichkeit
  • Neuigkeit

Man muss meines Erachtens keinen Master of Arts Zukunftsforschung absolviert haben, um diese Werte zu erfüllen. Dafür bin ich zu kritisch gegenüber formellen Abschlüssen. Es gehört aber mehr dazu, den Titel Zukunftsforscher*in zu verdienen, als reißende Prognosen zu populären Themen abzuliefern, Einschaltquoten, Twitter-Likes und Verkaufszahlen zu generieren.

Trendforschung und Kaffeesatz

Der “Vater” der deutschen Zukunftsforschung, Rolf Kreibich, hat bereits 2006 eine sehr schöne Abgrenzung der Zukunfts- von der Trendforschung formuliert. Zukunftsforschung unterliegt demnach …

„… in Abgrenzung zu zahlreichen pseudowissenschaftlichen Tätigkeiten wie ‚Trendforschung‘, ‚Prophetie‘ oder ‚Science Fiction‘ grundsätzlich allen Qualitätskriterien, die in der Wissenschaft an gute Erkenntnisstrategien und leistungsfähige Modelle gestellt werden: Relevanz, logische Konsistenz, Einfachheit, Überprüfbarkeit, terminologische Klarheit, Angabe der Reichweite, Explikation der Prämissen und der Randbedingungen, Transparenz, praktische Handhabbarkeit u. a.“

Damit möchte ich wie gesagt nicht die nicht-akademische Trendforschung ins Lächerliche ziehen, keineswegs. Auch Trendforscher liegen mal richtig mit ihren Prognosen oder helfen heutigen Akteuren bei der Vorbereitung aufs Morgen. Viele Menschen haben schon Häuser gebaut ohne eine Ausbildung zum Maurer, Dachdecker oder Fliesenleger zu haben. Sie nennen sich dennoch nur Heimwerker. Und so sollten sich auch die pseudo-wissenschaftlichen Trendforscher nicht einen Titel geben, der die Öffentlichkeit täuscht. Ansonsten wird die Öffentlichkeit auch in zehn Jahren noch denken, wir arbeiteten tatsächlich mit Glaskugeln und Kaffeesatz.

Quellen:

Kreibich, Rolf (2016): Zukunftsforschung. ArbeitsBericht Nr. 23/2006, IZT, Berlin 2006, S. 3.

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Wikipedia (2019): Wissenschaft, Kapitel Werte der Wissenschaft.

Wikipedia (2019): Zukunftsforschung.